Auf
den ersten Blick scheinen für einen
Uneingeweihten keinerlei Zusammenhänge zwischen
Kanarienvogel und Bergbau zu bestehen. Der
Auslöser, mich mit diesem Thema zu beschäftigen,
war eine Anfrage, ob wir Unterlagen über
Kanarien im Bergbau besitzen. Seinerzeit hatten
wir keinerlei Unterlagen hierüber, ich wusste
jedoch - wie viele andere Züchter, die ich
später hiernach befragte, dass Kanarien in
Bergbau zum Schutz gegen Giftgase eingesetzt
worden sind. Konkrete Unterlagen darüber waren
jedoch weder bei den Grubenrettungswehren, noch
im Bergbaumuseum etc. zu bekommen. Erst aus
englischen Informationsschriften aus dem Bergbau
konnte ich nähere Einzelheiten entnehmen.
Der Einsatz ist wohl auch heute noch nicht völlig
passe', sondern in dem mit verschiedenen Instituten
geführten Schriftwechsel wird immer wieder darauf
verwiesen, dass eventuell noch in England oder Amerika
nach wie vor Vögel oder andere Kleintiere als
Indikatoren "Anzeiger" für Gifte beziehungsweise
Sauerstoffmangel eingesetzt werden.
Der frühere Einsatz von Kanarien ist auf jeden Fall
als Tatsache anzusehen. Von der Bergakademie Freiberg in
der ehemaligen DDR erhielt ich die Mitteilung, dass
früher im Kalibergbau Mäuse zum Beispiel im Käfig nach
der Schicht vor Ort stehen blieben. Der Zustand dieser
Mäuse wurde dann zu Beginn der nächsten Schicht als
Zeichen für das Vorhandensein oder auch Fehlen von
Giftgasen gewertet.
Ein Bergbaufachmann führte aus, dass beim Vortrieb
neuer Grubenfelder vor Jahren Kanarienvögel dazu benutzt
wurden, um vor sogenannten "matten Wettern"
(sauerstoffarme Luft) zu warnen, so dass sich die
Bergleute noch in Sicherheit bringen konnten oder eine
Änderung der Luftzufuhr ermöglicht wurde.
Doch mit der einfachen Beschreibung "Zur Anzeige von
Giftgasen" ist es für einen Nicht-Bergbau-Fachmann nicht
klar, was darunter zu verstehen ist.
Bei dem Giftgas, dass durch die Kanarien "angezeigt"
wurde, das den Bergleuten ganz besonders gefährlich
werden kann, handelt es sich insbesondere um
Kohlen-Monoxyd. Vielfach lesen wir auch in den
Tageszeitungen, dass durch unbemerkt ausströmendes
Kohlen-Monoxyd aus nicht fachgerecht installierten Öfen
Unglücksfälle auftreten, Todesfälle zu beklagen sind.
Im Chemie-Lexikon findet sich folgende Ausführung
über Kohlenmonoxyd:
Kohlenmonoxyd ist ein farbloses, geruchloses, brennbares
Gas. Es ist äußerst giftig, da es sich an das den
Sauerstofftransport ausführende Hämoglobin etwa 200 mal
fester anlagert, als der Sauerstoff und es blockiert.
Die Vergiftung kann sich zunächst in Kopfschmerzen
äußern und kann über verschiedene Stadien zum Tode
führen. Als Gegenmittel dient sofort einsetzende
Sauerstoffbeatmung. Sofortige ärztliche Hilfe ist
notwendig.
Kohlenmonoxyd entsteht aus Kohlendioxyd durch
Reduktion mit glühendem Kohlenstoff und bildet sich
daher besonders dann, wenn Kohle bei ungenügender
Luftzufuhr unvollkommen verbrennt. In der Natur kommt
Kohlenmonoxyd in vulkanischen Gasen vor.
Kohlen-Monoxyd ist schon in verhältnismäßig geringen
Dosierungen in der Atmungsluft eine Gefahr für den
Menschen. Doch ehe noch beim Menschen eine äußerlich
feststellbare Reaktion auf das Einatmen von
Kohlen-Monoxyd-Dosierungen festzustellen ist, zeigen
Kleintiere bereits typische Reaktionen.
In einer englischsprachigen Dokumentation aus dem Jahre
1912 fand ich dann ganz genaue Beschreibungen der
seinerzeit durchgeführten Versuche, um die Mengen des
jeweils tödlichen Giftgases zu ermitteln. Kohlenmonoxyd
wird durch die Atemluft in die Lungen gebracht und
reichert sich dann im Blut an. Wenn Kohlenmonoxyd im
Blut ist - dann ist - so wird in diesem Bericht
ausgeführt - kein "2.Platz" im Blut, um noch ausreichend
Sauerstoff zu transportieren. Früher oder später
erreicht das Blut jene Konzentration von Kohlenmonoxyd,
die zur völligen "Hilflosigkeit" führt.

Bei der schweren körperlichen Arbeit, die insbesondere
früher in den Bergwerken geleistet werden musste, ist es
also einleuchtend, dass bei entsprechend intensiver und
starker Atmung die Konzentration von Kohlenmonoxyd im
Blut der Bergleute schnell erreicht war, die zur
vorgenannten Hilflosigkeit führte. |